seegras
Seegras, wie es in Form von kugelrunden Bällen an den Stränden des Mittelmeeres, aber auch an der Südküste Australiens angespült wird.

Akustik 2013-12-12T00:00:00Z Seegras zur Schalldämpfung

Produkte aus Seegras sind bereits zur Wärmedämmung bauaufsichtlich zugelassen. Doch auch zur Schalldämpfung eignet sich dieses Material recht gut, insbesondere das feinfaserige Seegras des Mittelmeers. Unser Akustik-Experte hat das Material auf seine Fähigkeit zur Schallabsorption geprüft.

Über das Thema „Seegras“ als Material zur Schalldämmung und -dämpfung [1] [2] wurde bereits in einem früheren Beitrag [3] berichtet. Dabei wurde zunächst das an den Küsten von Nord- und Ostsee angespülte Material untersucht. Im gleichen Aufsatz wurde aber auch schon auf das sehr viel größere Aufkommen eines anderen Seegrases ( posidonia oceanica ) hingewiesen, das an den Küsten um das Mittelmeer herum anzutreffen ist. Das dort, aber auch an der Südküste Australiens vorkommende Seegras wird in Form von 2 – 10 cm großen, kugelrunden Bällen an die Strände gespült. Die Kugelform bekommen die aus abgestorbenen Seegrasblättern bestehenden Bälle durch die permanente Wellenbewegung in den Flachwasserbereichen der Küsten.

Im Gegensatz zum Seegras vor der Nord- und Ostseeküste bestehen diese Bälle aus sehr viel feinerem Fasermaterial. Diese Fasern zeichnen sich durch eine schlechte Entflammbarkeit und eine hohe Schimmelresistenz aus. Sie sind kaum hygroskopisch und unproblematisch zu entsorgen, und infolge des Eiweißmangels auch verrottungsbeständig. Des Weiteren ist dieses Material nachweislich frei von gesundheitlich bedenklichen Stoffen.

Die an den Küsten des Mittelmeeres und Australiens angespülten Seegrasbälle bestehen aus besonders feinem Fasermaterial


bestehen aus besonders feinem Fasermaterial
und Australiens angespülten Seegrasbälle
bestehen aus besonders feinem FasermaterialEs wundert daher nicht, dass dieses Seegras bereits das Interesse des Baugewerbes und der damit befassten Forschung geweckt hat, wo man es inzwischen unter dem eingetragenen Warenzeichen „NeptuTherm“  kennt. Im Übrigen wurde es zwischen 2009 und 2011 im Auftrag der EU und des Umweltministeriums Baden-Württemberg im Rahmen eines Forschungsprojekts weiterentwickelt. Für Zwecke der Wärmedämmung am Bau ist es bereits allgemein bauaufsichtlich zugelassen (Nr.: Z-23.11-1836).

Von Materialien, die zur Wärmedämmung geeignet sind, erwartet man im Baubereich meist auch, dass sie sich ebenfalls durch möglichst gute Eigenschaften hinsichtlich des Schallschutzes auszeichnen. Um das zu überprüfen, wurden entsprechend vorbereitete Proben im Impedanz-Messrohr bei senkrechtem Schalleinfall einer ersten messtechnischen Untersuchung unterzogen. Das Prüfmaterial wurde dem Autor freundlicherweise von Prof. Richard Meier (NeptuTherm e.K. Forschung und Entwicklung sowie NeptuGmbH, Karlsruhe) zur Verfügung gestellt.

Erste Ergebnisse sprechen für einen Einsatz im Ausbau

Untersucht wurden Proben unterschiedlicher Dicke, von denen das Ergebnis für eine 90 mm dicke Probe besonders interessant erscheint (siehe Abbildung 3) . In den Firmenangaben für Dämm- und Dämpfungsmaterialien nahezu aller Hersteller findet man die Absorptionsgrade meist leider nur für Schichtdicken von 10, 20, 30, 40 und 50 mm, mit dem Hinweis „Sonderstärken bis 100 mm auf Anfrage “.

Vergleicht man die drei α-Kurven in Abbildung 3 mit einander, so erkennt man in der Kurve a) - zumindest im Prinzip - eine Fortsetzung der beiden Kurvenverläufe b) und c) [4] zu tiefen Frequenzen, allerdings mit einer auffallenden Anhebung der Luftschall-Absorption um etwa 700 Hz herum. Ein ähnlicher Effekt wurde zuvor schon bei der Untersuchung des Seegrases von der Ostsee-Küste [3] beobachtet, nur dass dort das Maximum etwas tiefer lag, nämlich um etwa 500 Hz herum. Ein Messfehler scheidet aus.

Verglichen mit dem von der Struktur her wesentlich lockereren Ostsee-Gras zeigt das feinfaserigere Seegras des Mittelmeers eine deutlich höhere Luftschall-Absorption. Wie aus dem im früheren Beitrag [3] bereits näher dargelegten Zusammenhang zwischen dem Dämpfungsverhalten ( α D = α‘ · d )

  von faserigem Absorptionsmaterial und dem längenspezifischen Strömungswiderstand Ξ hervorgeht, ist letzterer, neben der Materialdicke d , von entscheidender Bedeutung für die zu erwartende Schallabsorption. Auf den Strömungswiderstand wiederum hat die Packungsdichte des Materials einen wesentlichen Einfluss. Durch ein stärkeres Zusammenpressen des Materials, und somit durch eine Erhöhung seines Strömungswiderstands, lässt sich dessen Absorptionsvermögen noch steigern. – NeptuTherm gibt für den Einsatz seines Seegrases zum Zwecke der Wärmedämmung, je nach Einbausituation, Materialdichten von 75, 110 bzw. 130 kg/m³ an.

Die ersten Ergebnisse der Untersuchungen von Seegras posidonia oceanica hinsichtlich seiner Eignung für den Schallschutz sind zumindest vielversprechend. Natürlich sind noch weitere Prüfungen, z.B. bezüglich der s [5] notwendig, auch bezüglich einer eventuellen Eignung sogar zur Trittschalldämmung.  

Ein sehr gewichtiges Argument, das für einen Einsatz von Seegras für den Schallschutz im Baubereich spricht, wäre jedoch, neben den weiter oben schon genannten umwelttechnischen Gesichtspunkten, der zu erwartende, günstigere Preis für dieses Material, verglichen mit anderen, hochwertigen Dämmstoffen. Weitergehende bauakustische Prüfungen sollten zuvor aber noch durchgeführt werden.  


Literatur  
[1] Veit, I.: Schallabsorber, Teil 1. In: Trockenbau Akustik, Nr. 01, 2008, S. 36-37
[2] Veit, I.: Schallabsorber, Teil 2. In: Trockenbau Akustik, Nr. 02, 2008, S. 34-37
[3] Veit, I.: Absorber – Seegras. In: Trockenbau Akustik, Nr. 04, 2012, S. 34-35
[4] Cellofoam, Herstellerangaben: Cello Qualität HR 290/71
[5] Veit, I.: Dynamische Steifigkeit s‘ von Dämmstoffen. In: Trockenbau Akustik, Nr. 01, 2008, S. 42-43

Autor
Prof. Dr.-Ing. Ivar Veit ist Akustiker und Sachverständiger
mit Büros in Nauheim (Groß Gerau)
und Riga (Lettland). An der FH Wiesbaden/Rüsselsheim
hat er einen Lehrauftrag für Akustik.

zuletzt editiert am 23. Februar 2022