Ausbildung – ein Weg aus der Fachkräftemisere (Quelle: T+A)

AusbauNews

05. July 2022 | Teilen auf:

Personeller Burnout

Die IG Bau beklagt einen massiven Handwerkermangel am Bau und wirft den Arbeitgebern vor, die falschen Signale zu setzen und die Branche nicht konsequent für die Zukunft zu rüsten. Die Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen will dagegen schnell Fachkräfte aus dem Ausland akquirieren können. Beide Verbände fordern von der Politik, stärker regulierend einzugreifen.

Bauarbeiter werden händeringend gesucht. „In nahezu allen Betrieben der Bauwirtschaft gibt es ein Arbeitskräfte-Vakuum“, sagt Carsten Burckhardt, Bundesvorstandsmitglied der IG Bau, dabei seien Fachleute auf dem Bau „das Nadelöhr für mehr Wohnraum, für besseren Klimaschutz und sinkende Mieten“.

Die größten Probleme der Bauunternehmen seien nicht die derzeit steigenden Materialpreise oder Energiekosten, urteilt Burckhardt. „Die eigentlichen Probleme sind allerdings hausgemacht. Über Jahre hinweg haben die Unternehmen der Bauwirtschaft, vor allem im Handwerk, die Einkommen ihrer Beschäftigten gedrückt. Sie haben sich kaum darum gekümmert, dass Tarifverträge eingehalten werden. Viele sind aus den Arbeitgeberverbänden ausgetreten. Dann haben sich die Firmen bei den Preisen gegenseitig unterboten und einen Dumping-Wettbewerb auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen“, kritisiert IG BAU-Bundesvorstand Burckhardt.

Nach Beobachtung der Gewerkschaft haben vor allem Betriebe im Bauhandwerk stark mit der Abwanderung von Fachkräften zu kämpfen. Nur vier von zehn Berufsstartern arbeiteten fünf Jahre nach der Gesellenprüfung noch auf dem Bau. Ein Großteil wandere in die Industrie ab. „Statt harter Arbeit bei Wind und Wetter, vielen Überstunden, stundenlanger Pendelei zu immer neuen Baustellen erwarten sie dort klimatisierte Werkhallen und feste und planbare Arbeitszeiten. Fachkräfte wird auf Dauer nur halten, wer gute Löhne und Gehälter zahlt, familienfreundliche Arbeitszeiten bietet“, so Burckhardt.

„Einwanderung von Fachkräften muss erleichtert werden“

Die Bundesvereinigung Mittelständische Bauunternehmungen e.V. sieht dagegen eine erleichterte Einwanderung von Fachkräften aus dem Ausland als schnellste und effektivste Lösung an.  Martin Steinbrecher, Präsident der Bundesvereinigung, betonte auf dem Tag der mittelständischen Bauwirtschaft in Bonn, dass dieses Vorhaben nicht ohne die Unterstützung der Politik zu lösen sei, da Einwanderung zu kompliziert geregelt sei. „Es bedarf konkreter Anreize und einer Aufwertung des Images des gewerblichen Bereichs und des Handwerks durch die Politik, damit sich mehr Menschen dafür entscheiden, in diese wichtigen Berufe einzusteigen“, unterstrich Steinbrecher seine Forderung.

Die IG BAU dagegen warnt die Unternehmen davor, allein auf die Zuwanderung aus Drittstaaten zu setzen. Zwar sei der Bau mittelfristig auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. „Aber der enorme Bedarf an neuen Wohnungen, an der Instandhaltung der Verkehrsinfrastruktur und an klimagerechten Gebäudesanierungen bedeutet Arbeit für Jahrzehnte. Dafür braucht es langfristige Planungen und eine Nachwuchsstrategie, die schon in den Schulen ansetzt. Ohne einheimische Beschäftigte wird es nicht gehen“, unterstreicht Carsten Burckhardt.

In Anbetracht der Situation erinnere das derzeitige Verhalten der Arbeitgeber an eine „kamikazehafte Irrfahrt“. Im Frühjahr hätten die Unternehmen die Branchenmindestlöhne, die bisher auf dem Bau galten, für obsolet erklärt und eine unparteiische Schlichtung scheitern lassen. „Damit können Bauleute jetzt legal mit dem gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 9,82 Euro pro Stunde abgespeist werden. Vor allem entsandte Beschäftigte aus dem Ausland laufen Gefahr, mit dem absoluten Lohn-Minimum nach Hause zu gehen“, kritisiert der Gewerkschafter. Wer so kurzsichtig handele, setze die Zukunft der Branche und die eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel – und das in einer Zeit, in der qualifizierte Handwerker dringender gebraucht würden denn je.

zuletzt editiert am 05.07.2022