Bei jungen Leuten mehr Interesse für eine Ausbildung im Handwerk zu wecken, mag über einen „Tag des Handwerks“ gelingen – der demografische Wandel aber bleibt als Problem bestehen. (Quelle: Handwerkskammer Region Stuttgart)

AusbauNews

06. September 2022 | Teilen auf:

Dringend gesucht: Auszubildende

Die Handwerkskammer Region Stuttgart verzeichnete einen deutlichen Rückgang bei den Bewerbungen für eine Ausbildung – ein großes Problem für die Betriebe und ein Bremsklotz für die wirtschaftliche Entwicklung und die Energiewende. Die Kammer fordert daher mehr Berufsorientierung an den allgemeinbildenden Schulen und einen „Tag des Handwerks“.

Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für eine handwerkliche Ausbildung. Das ist auch in Stuttgart und Umgebung so: Wegen des Rückgangs an Bewerbungen für eine Ausbildung bleiben zahlreiche Stellen unbesetzt. Zum Ausbildungsstart beginnen 3384 junge Menschen in der Region Stuttgart eine Berufsausbildung in einem der 130 Berufe des Handwerks. Zum Vorjahr ist das Minus an neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen zum Beginn des neuen Lehrjahrs mit 8,6 Prozent deutlich. Dennoch fällt der Rückgang damit geringer aus als zunächst befürchtet – was noch einmal verdeutlicht, wie groß das Problem ist. „Wir freuen uns, dass 3384 junge Menschen ihre Karriere in einem Handwerksberuf starten – willkommen im Handwerk“, erklärt Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. „Aber der Rückgang an Auszubildenden in diesem Jahr trifft das Handwerk hart.“

Erfreulich sei, dass der Frauenanteil unter den neuen Auszubildenden in Vergleich zum Vorjahr leicht auf 21,1 Prozent angestiegen ist. 715 junge Frauen haben sich für eine berufliche Zukunft im Handwerk entschieden. Auch der prozentuale Anteil der neuen Lehrlinge mit Abitur oder Fachhochschulreife ist mit 17,6 Prozent (595 Auszubildende) erneut auf einem hohen Niveau.

Beliebt in Sachen Ausbildung sind bei den jungen Menschen die Berufe im Kfz-Handwerk, der Sanitär-Heizung-Klima-Branche (SHK) und im Elektro-Handwerk. „Die guten Ausbildungszahlen für die Branchen Elektro und SHK zeigen, dass die Jugendlichen die Energiewende selbst in die Hand nehmen und mitgestalten möchten.“ Gefragt sind auch weiterhin Ausbildungsplätze in den Bau- und Ausbaubetrieben wie in den Schreinereien oder Zimmereibetrieben. Deutlich weniger Auszubildende gibt es in den Friseursalons, deren Arbeit durch die Corona-Pandemie besonders erschwert wurde. Auch die Metallbauunternehmen sowie die Betriebe im Lebensmittelhandwerk haben deutliche Rückgänge zu verzeichnen.

Demografischer Wandel ist einer der Hauptgründe für das Problem

Dass die Zahl der neuen Ausbildungsverträge im Vergleich zum Vorjahr gesunken ist, bereitet dem Handwerk große Sorgen – auch wenn diese Entwicklung aufgrund der weltweiten Krisen erwartet wurde. Die Auswirkungen der Corona-Krise, in der die Berufsorientierung oft nur unter erschwerten Bedingungen möglich war, sind immer noch spürbar. Mehr junge Menschen als üblich bleiben durch Wiederholung oder Übergangsangebote an den Schulen. Aufgrund des demografischen Wandels gibt es zudem schlicht und ergreifend weniger junge Menschen, die sich auf eine Ausbildung bewerben könnten.

Diese Situation ist ein Bremsklotz für die wirtschaftliche Entwicklung. „Denn die Gewinnung von gut ausgebildeten und motivierten Nachwuchskräften für die handwerklichen Betriebe hat eine nie da gewesene gesellschaftliche Dimension: Das Handwerk ist der zentrale Akteur, wenn es um die Umsetzung der Ziele in den Bereichen der Energie-, Klima- und Wohnungsbaupolitik geht“, so Hauptgeschäftsführer Peter Friedrich.

Er fordert die Politik auf, eine echte Bildungswende umzusetzen: „Die Zahlen sind ein erneutes Alarmzeichen. Wir verspielen die Zukunft, wenn wir nicht mehr Fachkräfte ausgebildet bekommen. Es braucht mehr Anerkennung und mehr Anstrengung für die berufliche Bildung. Wir müssen das Handwerk für alle junge Menschen erlebbar machen, daher fordern wir einen „Tag des Handwerks“ an allen allgemeinbildenden Schulen.“ An diesem sollen die attraktiven Berufe und Karrierewege des modernen Handwerks unterrichtsbegleitend erlebbar werden. In Bayern wird ein solcher Tag ab dem Schuljahr 2022/23 eingeführt.

zuletzt editiert am 06.09.2022