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Klimaschutz beim Bau wird konkret

Um Klimaschutzziele erreichen zu können, müssen Einsparungen künftig mess- und steuerbar werden. Das gilt insbesondere für die Baubranche. Ökobilanzen als Datenbasis kommen hier eine besondere Rolle zu. Ein Symposium des Instituts Bauen und Umwelt (IBU) diskutierte dazu aktuelle und künftige Entwicklungen.

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Foto: tdx/IBU Institut Bauen und Umwelt/Thomas Meyer

Die Klimakonferenz im schottischen Glasgow war auch bei der hybriden Fachkonferenz des Instituts Bauen und Umwelt e.V. (IBU) in Berlin das bestimmende Thema. Es gehe darum, die ökologischen Grenzen der Erde zu respektieren, so Dr. Barbara Hendricks, die zwischen 2013 und 2018 Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit war, in ihrer Keynote. „Es ist ein Paradigmenwechsel erforderlich“, so Dr. Hendricks, „das IBU kann hierbei eine wichtige Plattform sein“.

Die Ökobilanz rückt in den Mittelpunkt

“Wie können wir wissenschaftlich robust messen, was klimaverträglich, umweltschonend und nachhaltig ist?“, fragte Prof. Dr. Matthias Finkbeiner, der an der Technischen Universität Berlin das Institut für technischen Umweltschutz leitet. Es fehle vor allem eine eindeutige Definition, was man unter Klimaneutralität versteht. Die Ökobilanz, so Finkbeiner, sei seit langem als die beste Methode anerkannt. Durch den Blick auf den gesamten Lebenszyklus decke sie vor allem Problemverschiebungen auf.

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Prof. Dr. Matthias Finkbeiner. Foto: tdx/IBU Institut Bauen und Umwelt/Thomas Meyer

Zugleich warnte er davor, dass eine komplett emissionsfreie Zukunft eine Illusion bleibe. „Wir müssen reduzieren, wir müssen neue Energie einsetzen, aber ohne Kompensation wird es am Ende auch nicht gehen.“ Der ganze Prozess müsse korrekt durchgerechnet werden, „ sonst werden wir am Ende formell klimaneutral sein, aber dennoch steigen die CO2-Emissionen.“

Thomas Lützkendorf, Professor für Immobilienwirtschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), lenkte den Blick auf die bestehenden Normen und die „handwerkliche Seite“ der Umweltbilanzierung. Lützkendorf: „Es ist schade, wenn alle von Klimaneutralität reden, ohne entsprechende Nachweise zu liefern.“ Mit Bezug auf die Bau- und Immobilienwirtschaft konkretisierte er: „Wir brauchen geeignete Bauproduktinformationen, um das Wechselspiel zwischen Tiefe und Breite der Prozesse abzudecken. Der Trend geht eindeutig in die Richtung verbindlicher Anforderungen.“

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Prof. Dr. Thomas Lützkendorf. Foto: tdx/IBU Institut Bauen und Umwelt/Thomas Meyer

Und das hat Folgen für die Hersteller: Wer solche Daten auf Dauer nicht liefere, dessen Produkte können auf Dauer auch nicht mehr verbaut werden. Treiber sei nicht nur der Staat, sondern auch die Finanzwirtschaft. Im Rahmen der EU-Taxonomie hängen nämlich künftig auch Finanzierungskonditionen davon ab. Deshalb müssen entsprechende Umwelt-Produktdeklarationen (EPDs) schneller erstellt werden. „Wir müssen künftig diese Informationen planungsbegleitend bereitstellen.“ Da das für Einzelunternehmen schwierig sei, empfahl Lützkendorf den Weg über branchenspezifische Lösungen und die Möglichkeit des digitalen Ausspielens von maßgeschneiderten EPDs.

Deutlich mehr Recycling ist unabdingbar

Michael Ritthoff vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie stellte erste Ergebnisse der vom IBU in Auftrag gegebenen Studie zu Fragen der Ressourcenschonung, des Ressourcenmanagements sowie der Ressourceneffizienz vor und betrachtete die Rolle der Kreislaufwirtschaft. Der Grundgedanke dabei ist, knappe oder zunehmend teurer werdende Ressourcen durch Recycling und Wiederverwendung zu gewinnen.

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Michael Ritthoff. Foto: tdx/IBU Institut Bauen und Umwelt/Thomas Meyer

Ein praktisches Problem im Alltag ist jedoch, dass die Hersteller von Bauprodukten keinen Einfluss auf die Art und Weise haben, wie ihre Produkte ein- und zurückgebaut werden. Viele Gebäude seien naturgemäß sehr langlebig, so dass deren künftiges Recycling und die Techniken dazu heute gar nicht absehbar sind. Wichtig seien für die Kreislaufwirtschaft Lebensdauerinformationen zu Bauprodukten, da die Nutzungsdauer einen erheblichen Einfluss auf lebenszyklusweite Umweltbelastungen und den Ressourcenverbrauch habe. Ritthoff verwies zudem auf grundliegende Voraussetzung für späteres Recycling wie beispielsweise einer möglichst geringen Verunreinigung der Sekundärrohstoffe.

Informationen zum korrekten Einbau, zur Demontage und den eingesetzten Stoffen insbesondere bei komplexen Bauprodukten würden das Recycling deutlich erleichtern. Rücknahmegarantien können zudem dazu beitragen, die Sammelmenge und die Qualität zu steigern. Aktuell hakt es vor allem noch an der grundsätzlichen Akzeptanz: Der Einsatz von Recyclingmaterial stockt, weil Qualität, Gleichwertigkeit und Produktverhalten oft noch nicht vollständig erforscht sind. Das erzeugt Unsicherheit bei Planern, Bauunternehmen und Bauherren.

Eine Reihe weiterer Beiträge befasste sich etwa mit der Ressourcenverschwendung im Bauprozess sowie den sinnvollen ökologischen Weichenstellungen im Planungsprozess. Auch Bauprodukthersteller fanden Raum für ihre Erfahrungsberichte. Mehr zu diesen Aspekten lesen Sie in der Ausgabe 1-2/2022 von Trockenbau und Ausbau.

Weitere Informationen auch unter www.ibu-epd.com